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Interview

von  Gunter MÜNZBERG

 Ehemaliger S\G\K\ des D\O\R\ Berlin

        In « La Chaîne d’Union » Heft Nr 43 Januar 2008

           ( Conform édition – 3 rue Darboy – 75011 PARIS )

« Ich erlaube mir, vor der Beantwortung dieser sieben Fragen zu schildern, warum ich Freimaurer wurde, was mich besonders an der Freimaurerei reizte und wie ich die Freimaurerei heute sehe, nach 35 Jahren Mitgliedschaft und einem provoziertem Austritt aus dem « Bund für das Leben » , um vielleicht dann meine Antworten besser verstehen zu können :

 

Ich war gerade einmal 21 Jahre alt und hatte mein Studium der Elektrotechnik an der Universität Stuttgart begonnen, als ich mich für die Freimaurerei interessierte und nach einem Jahr des Kontaktes und der Überlegung beschloß, ihr beizutreten. Mich reizten Dinge an diesem Männerbund, die ich der vielfältigen Literatur entnommen hatte, die ich als meine Ideale erkannte und die ich, zumindest teilweise, durch die Kontakte mit Mitgliedern der Loge « Zu den 3 Cedern » in Stuttgart bestätigt fand. Den damaligen Stuhlmeister dieser Loge, die zu der Großloge AfuAM gehört, kannte ich bereits als Vertrauenslehrer der Schülermitverwaltung der Stuttgarter Gymnasien, Otto Glück, der auch mein Pate und mein menschliches Vorbild wurde. Über Michel Kemmeny, ein gebürtiger Ungar, Mitglied der Loge « Paix et Fraternité » in Paris, einer Loge der « Grand Loge de France », und ebenfalls eines meiner damaligen Vorbilder, bahnten sich gerade sehr herzliche Beziehungen beider Logen an. Das war auch die Zeit, in der Alain de Keghel, Ihr jetziger Großkommandeur, der bereits in Frankreich Freimaurer geworden war, Mitglied von « Zu den 3 Cedern » wurde, wir uns intensiv kennenlernten und Freunde für ein Leben lang wurden.

Nie haben wir uns aus den Augen verloren, obwohl Alain seine beruflichen Einsätze an vielen Orten der Welt hatte. Sicher trug dazu mit bei, daß auch unsere Frauen und Kinder sich in diese Freundschaft einfügten. Übergeordnete Obödienzen scherten uns recht wenig ; es war das, was unserer Meinung nach einen Freimaurer ausmacht, was uns fesselte :

 

Die Mitglieder integer und geradlinig ; Vertrauen und menschliche Verbundenheit herrschte zwischen uns, obwohl wir unerschiedlichen Berufen nachgingen und in unterschiedlichen Lebensphasen standen. Wir schätzten an uns unser gegenseitiges menschliches Verständnis, das von Humanität geprägt war, unsere Weltoffenheit mit intensiven Kontakten insbesondere nach Frankreich und Österreich, die gegenseitige Gerechtigkeit, das Ablehnen von Machtstreben, mit anderen Worten, eine hochstehende Ethik im Umgang miteinander und im tagtäglichen Leben jedes Einzelnen. Insbesondere Macht und Religion spielten keine Rolle, dafür Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit. Und das gefiel mir. Ich war streng römisch-katholisch erzogen worden, lehnte aber nun jede Einflußnahme der Kirche auf mich ab, ebenso wie etwaige machtpolitischen Übergriffe auf mein berufliches und privates Leben. Es war das, was man Freidenkertum nennt, nicht zu verwechseln mit Libertinage, sondern gepaart mit einer gelebten Ethik ; Aufklärung, aber nicht begrenzt auf den mittelalterlichen Sinn. So habe ich dann auch meine Amtszeit als Großkommandeur des « Alten und Angenommenen Schottischen Ritus von Deutschland» gestaltet. Ich versuchte, von der Geschichtslastigkeit und der falschen Esoterik -  nichts anderes als ein Streben nach längst nicht mehr vertretbarer Mystik und unerklärlichem Streben nach religiöser Transzendenz  -  wegzukommen. Ich wollte die « Aberkennung » der sogenannten « Anerkennung » unter Freimaurern, die von den anglistischen Ländern als ihr Machtinstrument wachgehalten wird. Zahlreiche und vielversprechende Kontakte weltweit hatte ich geschaffen, da ich nicht einsehen konnte, daß Freimaurer andere Freimaurer nicht nur nicht als Brüder, sondern als Aussätzige betrachten. Letztlich warf man mir vor, ich würde die « alten » Herren, unsere Mitglieder in Deutschland, überfordern und zu schnell reformieren wollen. Das war dann mein Bruch mit der deutschen Freimaurerei, die ich heute lange nicht mehr so positiv sehe, wie vor 35 Jahren. 35 Jahre ist eine sehr lange Zeit in dem Tempo, mit der sich unsere Gesellschaft wandelt. Und wie sehe ich die Freimaurerei heute ?

 

Die Norm- und Wertevorstellung der Freimaurerei ist in den letzten 30 Jahren ins Wanken geraten, und die Freimaurerei hat sich selbst dogmatisiert mit überkommenen Strukturen und religiösen Vorstellungen. Wir diskutierten einmal mit Gästen in meiner Heimatloge, einer Gruppe junger Leute, die sich der Politik einer unserer großen Parteien in Deutschland verschrieben hatten, warum ein junger Mann heute der Freimaurerei beitreten sollte. Humanität, Toleranz, Internationalität, Herzensbildung, Ablehnung staatlicher Gewalt, Gewaltenteilung, religiöse Toleranz, Weltoffenheit  -  all das reklamierten sie auch für sich selbst, und für viele andere Gruppierungen, denen junge Menschen beitreten können. Ein wirklich substantieller Grund, der für die Freimaurerei sprach, blieb in der großen Diskussionsrunde nicht übrig. Das war für mich enttäuschend, aber symptomatisch. Nach all den « häterischen » Abspaltungen, Konkurrenzgründungen, Säuberungen und Ausschließungen in den letzten 200 Jahren zeigt sich die europäische Maurerei heute von geistiger und spiritueller Erstarrung befallen und mehr mit der Musealisierung ihrer eigenen Vergangenheit als mit den Problemen der Gegenwart beschäftigt. Ihr bisheriges Programm hat zumindest in der Alten Welt ihre Anziehungskraft für junge Menschen verloren. Ihre Rituale gelten als kauzig und verstaubt. Die amerikanische Freimaurerei geht ohnehin andere Wege als die europäische. Mehr Service-Organisation neigt sie zu Richtungen wie Shriners, Knight Templars, u.ä., d.h. nicht Ethik und Lebensphilosophie, sondern eher Sozialkontakte und berufliche Kontakte sind dort im Fordergrund.

Eigentlich spricht man bereits von einer Endzeit der Bruderschaft. Das muß nicht sein. Ich vertrete unter diesem Gesichtspunkt eine vielleicht sehr radikale Position ; nur sie kann die Freimaurerei als eine Organisation in die Zukunft retten, die Menschen geistig so formt, bildet und weltoffen macht, daß sie wieder an Attraktivität für junge und geistig interessierte Menschen gewinnt.

Die Freimaurerei muß wieder eine Vereinigung der Freidenker, der Fortschrittlichen und der geistigen Elite werden. Mit Tradition und Überlieferung von Symbolik und Ritualen muß deshalb nicht gebrochen werden ; das kann weiterhin gepflegt werden, aber nicht im lebendigen, arbeitenden Bereich. Tradition darf nicht die Äußerlichkeit betreffen, Tradition der Freimaurerei, das ist Freidenkertum, das ist Freiheit, das ist Demokratie.

 

Aber nun meine Antworten auf die interessanten Fragen :

 

 

  1. Zu einer Zeit wo Europa sich so langsam institutionnel entwickelt, einschließlich in den Bereichen de r Währung und der Wirtschaft, bleibt di FM zersplittert und eingegrenzt durch nationale Grenzen und Meinungsunterschiede zwischen Obödienzen. Dennoch kann man behaupten, dass nichts geschieht? Welche Vorschläge könnten dazu beitragen, diesen anscheinenden Stillstand in eine Bewegung zu verwandeln? Ist Ihrer Meinung nach die Errichtung in Brüssel der europäischen Stiftung für AASR Studien und Forschung geeignet, der EU FM einen neuen Impuls zu verleihen?

 

Impulse braucht die Freimaurerei dringend. Die Errichtung einer europäischen Stiftung für AASR Studien und Forschung ist deshalb sehr zu begrüßen und ein Schritt in die richtige Richtung. Nun darf aber „Studien“ und „Forschung“ nicht so verstanden werden, dass Ursprung und Historie der Freimaurerei zu studieren und erneut zu erforschen sind  -  das wäre genau der falsche Weg. Sie müssen zukunftsgerichtet sein, um wieder Anschluss an die Entwicklung unserer Gesellschaft zu erhalten. Ich sehe insbesondere zwei Schwerpunkte für eine solche Aktivität:

Das ist zum ersten die Ethik:

Die Ethik darf nicht als Teil einer Religion oder eines Glaubens verstanden werden. Sie muß allein basieren auf Humanität und sollte eine angewandte Ethik sein. So benötigen wir Maßstäbe in

-         medizinischer Ethik (Schwangerschaftsabbruch, Euthanasie, Apparatemedizin, Manipulation am Erbgut, Humanexperimente, künstliche Erzeugung von Menschenleben, Gehirnchirurgie, Organverpflanzung, Informationspflicht, Paternalismus)

-         Bioethik, die das gesamte Leben betrifft, nicht nur das des Menschen. Das Umfeld Leben ist für uns entscheidend geworden. Wissenschaftler haben den Begriff von „Gaia“ geschaffen, der Erde als lebendes, sich selbst bestimmendes und regulierendes System. Prof. Lovelock und Lynn Margulis sind die Erschaffer dieser interessanten Idee.

-         Sozialethik, als Gegenstück zur Individualethik. Sie ist gegen natürliche Neigungen wie Egoismus, Neid, Machtstreben und Haß und führt zu Toleranz, Mitleid, Nächstenliebe, Rücksichtnahme und Solidarität.

-         Wirtschaftsethik ist in unserer Zeit ganz besonders wichtig geworden. Es kann nicht sein, dass der überbordende Turbo-Kapitalismus aus den USA den Sinn unseres Lebens erfüllt. Er macht die Menschen kaputt und tötet jegliche humane Ethik. Unternehmensethik, Führungsstil, Management, Leistungsbewertung sind überlegenswert, ebenso wie ökonomische und moralische Kompetenz, ethische Verpflichtungen in der freien Marktwirtschaft, Beschränkungen ökonomischer Macht, ökonomische und ethische Güterbewertungen, Legitimation zweckrationalen und technokratischen Handelns.

-         Wissenschaftsethik

-         Ökologische Ethik

-         Friedensethik

 

Zum zweiten betrifft es unser Weltbild:

 

Die Naturwissenschaften waren den Geisteswissenschaften bisher immer unterlegen, wenn es um die Gestaltung unseres Weltbildes ging. Bis auf die Ausnahmen, als Kepler und Galilei mit den Ansichten, daß die Erde eine runde Scheibe sei und dass sie als Mittelpunkt der Welt anzusehen sei, aufräumten. Das letzte Jahrhundert hat uns Fortschritte geschaffen, die phänomenal sind, die aber bisher nur äußerst wenig Bekanntheit und Akzeptanz in der Öffentlichkeit gefunden haben.

Wir wissen heute, dass das Universum etwa 14 Milliarden Jahre alt ist, durch den Urknall entstand und seither beschleunigt expandiert. Nur 4 % ihrer Materie ist das, was wir als Sterne und Galaxien sehen, der Rest verbirgt sich uns noch. Möglicherweise haben die in unserem Universum gültigen Naturgesetze auch eine Evolution durchlaufen und sich mit der Schaffung immer neuer Universen optimiert, um möglichst viel Leben einen Raum zu geben. Viele Universen könnten so schon existiert haben und noch existieren. Das, was wir als Natur sehen und erleben ist so phantastisch, dass wir uns vor Ehrfurcht nur verbeugen können. Einen „Gott“ braucht es da nicht, ohne Menschen ihre eigene Religiosität nehmen zu wollen. Ich könnte mir vorstellen, dass es Millionen von Sonnensystemen in unserem Universum mit blauen Planeten wie der Erde gibt, die Leben in den unterschiedlichen Stadien der Entwicklung Platz bieten. Einfach durch das Gesetz der großen Zahl und durch unsere räumliche Beschränkung ist der Mensch sicher nicht das alleinige intelligente Lebewesen in unserem Universum, wir konnten das nur noch nicht nachweisen. Aber, eine Religion darf diese Entwicklung der Erkenntnisse nicht behindern und einengen. Wir müssen unsere gewonnenen Erkenntnisse in Physik, Biologie und Chemie einsehen und annehmen. Die Gesetze der Natur heißen Entwicklung, stete Änderung, Evolution; einen Stillstand in der Natur, wo auch immer, gibt es nicht. Die Freimaurerei hat das alles bisher nicht zur Kenntnis genommen.

Hier liegt die Chance, ein für allemal mit Glaubensrichtungen aufzuräumen, die der Vergangenheit angehören. Besonders meine ich hier die drei dominierenden monotheistischen Religionen – das Christentum, das Judentum und der Islam - , die so viel Leid auf der Erde angerichtet haben und noch anrichten. Von den Kreuzzügen bis zu Taliban und Frauenmißhandlungen in islam-dominierten Ländern wie Pakistan ist Leid und nur Leid durch sie angerichtet worden. Aber auch der aus den Vereinigten Staaten zu uns herüberschwappende religiöse Fanatismus und Fundamentalismus  -  ich meine hier diverse baptistische Strömungen, auch den „Intelligent Design“, „Kreationismus“ u.ä. – wird zunehmend gefährlich. Wieso nimmt sich ein Mensch das Recht, einem anderen Menschen einen Glauben aufzuzwingen?  -  Ein Glaube ist nicht beweisbar und grundsätzlich irrationaler Natur. Ein Atheismus ist nicht ein Materialismus, sondern lässt genügend Raum für eine innere Religiosität.

 

Dies alles sind Themen, die die Freimaurerei angehen und weiterentwickelt werden müssen. Das ist die Speerspitze, mit der Menschen begeistert werden können, nicht mehr die Errungenschaften des einst finsteren Mittelalters. Diese Themen kennen auch keine nationalen Schranken, sodaß sie dieser europäischen Stiftung für AASR Studien und Forschung würdig wären  -  nur als Vorschlag.

 

  1. Nicht nur in der westlichen Welt haben Frauen das Wahlrecht und erreichen leitende Stellungen, sowohl in der Politik als im öffentlichen Dienst und Privatwirtschaft. Zur gleichen Zeit weigern die Maurer die den „Landmarks“ von 1929 unterliegen, Frauen jeglichen Zugang zu ihren Tempeln. Sie wollen auch nicht die weiblichen oder gemischten Obödienzen anerkennen. Kann dies andauern?

 

 

Man sagt zwar, dass eher die katholische Kirche das Zölibat aufgeben wird, als dass die englische Großloge Frauen in ihre schönen Männerclubs (Logen) lassen, aber das sei deren Problem.

 Nein, diese Situation kann in unserer Zeit nicht mehr andauern. Das ist eine Diskriminierung von 50% der Menschheit. Das sehen aber auch viele Freimaurer so. Ich war von Anfang an gegen diese Diskriminierung. Zur Lösung dieses Problems gab es bisher und gibt es auch noch viele Ansätze, die aber alle nicht so recht funktionieren wollen. Die Frauen auf Damenkränzchen beschränken zu wollen, das ist keine ernsthafte Lösung. In den USA wurde als Quasi-Freimaurerorganisation für Frauen der „Eastern Star“ geschaffen. Auch das ist keine ernstzunehmende Antwort auf das Problem, das die Freimaurerei aus dem Mittelalter und dem englischen Männerclub-System ererbt hat. Mein Vorgänger im Amt des Großkommandeurs des AASR von Deutschland, ein erzkonservativer Mann, der nicht mehr in unserer Zeit lebte, wand sich aus diesem Thema immer mit dem Hinweis, dass Symbolik und Brauchtum  -  angefangen von der Steinmetzbekleidung bis hin zu den Ritualen eben nun mal auf Männerbünde zugeschnitten seien. Das ist für mich kein Grund, eher eine sehr flache,  dümmliche Antwort.

Ich akzeptiere zwar die Begründung meines Vorgängers von der Ästhetik her, aber als nicht wirklichen Hinderungsgrund, Frauen den Zugang zur Freimaurerei zu verwehren. Auch hier habe ich eine radikale Ansicht:

Ich plädiere für den Ersatz all dieser alten und verstaubten Rituale, die ohnehin falsch weil zeitgeistig interpretiert werden, durch eine zeitgemäße Aufnahmezeremonie, die nicht nur Frauen entgegenkommt, sondern auch Menschen aus anderen Kulturkreisen. Die Rituale auf der Basis des alten Testaments mit seiner Symbolik gehören nach meiner Meinung mittlerweile wirklich in das Museum. Man muß sie nicht unbedingt entsorgen  -  sie können für historische Feierstunden durchaus Verwendung finden, nicht aber mehr für eine moderne, zukunftsgerichtete Maurerei. Dies ist sicher ein radikaler Standpunkt, für mich aber der einzige Weg der Maurerei in eine Zukunft, den ich sehe. Vielleicht ist hier eine neue „Häresie“ vonnöten.

 

  1. In einer Anzahl von Fällen, so in Frankreich und Belgien z.B., begrenzen sich die Logenarbeiten nicht am Ritual und der Interpretation der Symbole. Sie verlangen zusätzlich von ihren Mitgliedern, dass sie arbeiten vorlegen über grundsätzliche alltags Themen (z.B. über Razismus, Armut, Umweltschutz, Menschenrechte, Bildung und Erziehung, Bioethik usw.). Wäre es nicht für die Europa FM der geeignete Weg die gesellschaftliche Entwicklung besser zu analisieren und sich in das heutigen Gedankenwesen einzufügen?

 

Das ist in Deutschland auch so, sowohl in der Johannismaurerei als auch im Schottischen Ritus. Arbeiten werden verlangt, sogar mit einer vorgegebenen Themenauswahl.  Ich hatte mir sogar die Aufgabe in meinem Großkommandeurs-Amt gestellt, alle so genannten Beförderungsarbeiten zu lesen. Ich tat es, es war aber sehr mühevoll. Wenn man zum tausendsten Male die Vermutungen lesen muß, ob der Schottische Ritus nicht doch von den Tempelrittern abstammt, dann verliert man schon den Glauben an eine Sinnvollkeit des AASR. Mir gelang es leider nicht, diese Geschichtslastigkeit der Arbeiten mit all ihren Vermutungen und Spekulationen auf sinnvolle Themen umzulenken. Das historische Erbe in den Ritualen, ein Mix aus Tempelrittern, Stein der Weisen, Illuminaten Kabbala und Alchemie ist schon abenteuerlich und schwer in den Hintergrund zu drängen.

Der AASR in Deutschland hat ja zudem noch die Eleusis als Publikationsorgan und die Akademieveranstaltungen, zwei Mal im Jahr, die beide in die Öffentlichkeit gehen. Grundlegend fehlen aber Einstellung und Wille für eine Thematisierung der Arbeiten in die Zukunft hinein.

 

 

  1. Die deutschen maurerischen Institutionen dürfen nur mit einer einzigen franz Obödienz verkehren und überhaupt nicht (anscheinend) mit den anderen, obwohl diese mindestens ebenso repräsentativ sind, wenn nicht mehr. Ist diese Situation noch vertretbar? Und falls nicht, wie könnte man vorankommen?

 

Es ist wirklich bedauerlich, dass  die englische Vormacht in der Johannismaurerei und die amerikanische Vormacht im Schottischen Ritus dazu dienen, die kulturelle Vielfalt dieser Organisationen zu beschränken. Ich habe mich immer gegen diese Beschränkung gewehrt und habe sie auch nicht wirklich angenommen. Während meiner Zeit sowohl als General-Großsekretär als auch als Großkommandeur des AASR von Deutschland hatte ich versucht, einen Gesprächskreis aller Obödienzen in Europa zustande zu bringen. Man muß ja nicht gleich gegenseitig Tempelarbeiten besuchen und sich brüderlich um den Hals fallen. So hatte ich begonnen, eine Kerngruppe mit dem Schottischen Ritus der Grand Loge de France und dem Schweizer Schottischen Ritus zu bilden. Wir hatten bereits mehrere Gespräche und wollten weitere Obödienzen hinzubitten, als die erzkonservativen Kräfte dies wieder zunichte machte. Selbst Gespräche oder reine Vortragsveranstaltungen waren für viele Brüder in Deutschland ein Tabu, wenn Brüder von so genannten nicht anerkannten Obödienzen teilnahmen oder von ihnen veranstaltet wurden. Sehr viele Logen der AFuAM in Süddeutschland sind nach dem zweiten Weltkrieg von Logen des „Grand Orient de France“ bzw. der „Grand Loge de France“ wieder zum Leben erweckt worden. Daraus entstanden Freundschaften, die man von höherer Warte unterbinden und verbieten wollte. Das habe ich nie akzeptiert, viele meiner damaligen Brüder auch nicht. Die Logen in Norddeutschland waren traditionell mehr den englischen Logen verbunden, obwohl es kaum menschliche Verbindungen von Loge zu Loge gab. Es gab viele Ansätze in Deutschland, die sich mit einer Änderung dieser Situation befassten, aber letztlich war keine Aktion mutig genug, den Befreiungsschlag auszuführen. Ich meine, im alten System ist das auch nicht mehr möglich, vielleicht auch nicht mehr sinnvoll.

Um so mehr plädiere ich für eine Rundum-Erneuerung, um all diese alten Zöpfe ein für allemal abzuschütteln. Das erfordert viel Mut und Risikobereitschaft. Dafür ist die deutsche Freimaurerei nicht mehr in der Lage. Dem „Suprême Conseil“ vom Grand Orient würde ich es aber zutrauen, mit der Prämisse, die englische Freimaurerei vom Kontinent abzukoppeln. Wobei die Freimaurerei in England in der Bevölkerung einen denkbar schlechten Ruf hat und ebenfalls an starkem Mitgliederschwund leidet. Erstaunlicherweise gibt es steigende Mitgliederzahlen in der Freimaurerei, soweit mir das bekannt ist, nur in Frankreich und in Österreich. Die amerikanische Freimaurerei verzeichnet seit Jahren einen Mitgliederschwund von etwa 5% pro Jahr, obwohl dort noch etwa 2 Mio. Mitglieder sind.

 

 

  1. Die Andersons Konstitution sprach sich schon 1723 für Toleranz und für die freie Auswahl in Religionssache aus. Gleicherweise sprach sich der GODF sehr frühzeitig aus für die absolute Meinungsfreiheit. Dennoch berufen sich die „landmarkstreuen“ Rituale auf Gott und die Bibel muss während der Logenarbeiten vorgelegt werden. Ist die Berufung auf diese  spezifische Angehörungszeichen nicht geeignet die Nichtglaübiger einerseits aber auch die Muselmanen und Buddhisten – die immer zahlreicher sind in Europa – von unseren Logen fernzuhalten?

 

Ich selbst stehe seit langen, langen Jahren jeglicher Religion, vor allem wenn sie mit einer Kirche verbunden ist, fern. Diese „landmarkstreuen“ Rituale halte ich für schon lange nicht mehr zeitgemäß; ein Pastor hat sie ja geschaffen, und eigentlich sind sie eine Zumutung, da sie die Dogmatisierung der englischtreuen Freimaurerei unterstreichen. In den USA ist die „Baptistisierung“ der dortigen Freimaurerei weit fortgeschritten. Ich nahm an einer zentralen Jahresveranstaltung des Schottischen Ritus der Südlichen Jurisdiktion teil, die fast ein reiner baptistischer Gottesdienst war. Das entsetzte mich. Für mich ist der Glaube eine rein private Angelegenheit, und wenn ich nicht an die Existenz eines höheren Wesens glaube, so ist das eine höchst persönliche Angelegenheit, die ich mit mir selbst auszumachen habe. Ich halte es hier mit dem neuen Weltbild, das auch der große Wissenschaftler Richard Dawkins in seinem neuen Buch „Der Gotteswahn“ propagiert. „Gott“ wurde benötigt, um Wissenslücken zu schließen. Das ist aber nicht mehr zeitgemäß, und trotzdem kann man religiös sein. Auch schließt die sogenannte „reguläre“ Freimaurerei damit alle Menschen von vornherein aus, die nicht einer monotheistischen Religion angehören, was bei weitem der größere Teil der Menschheit ist. Ein Buddhist fernöstlicher Kultur, in Frack und Hohem Hut vor einem Altar mit aufgelegter Bibel und umgeben mit alttestamentarischer Symbolik  -  die drei Säulen, der Ölzweig, etc.  – der dann auch noch den Hut bei der Nennung des Namens des GBaW hebt, nein, das kann ich mir einfach nicht vorstellen.

Die Freimaurerei ist in Europa entstanden, in einer Zeit, in der Staat und Kirche eine Macht waren und seine Bevölkerung geistig und körperlich unterdrückte. Sie wollte eine Gegenbewegung sein und trug die Aufklärung zur Überwindung des finsteren Mittelalters mit. Das war und ist keine Grundlage für einen Menschen z.B. einer asiatischen oder südamerikanischen Kultur, der Freimaurerei beizutreten. Sie muß einfach neutral diesbezüglich auftreten.

Im übrigen hat die Nördliche Jurisdiktion der USA ein total neues Ritual geschrieben, irgendwo im Bereich des 19. Grades, um die historische Entwicklung in den USA weiterzuführen. Ich kenne aber keine Details hiervon.

Aus all diesen Gründen bin ich eben der Meinung, dass nur eine radikale Erneuerung der Freimaurerei als Gesellschaftsbewegung eine Zukunft geben kann. Sonst lasse man ihren  -  sicher bequemeren Weg – in die Bedeutungslosigkeit und in die Musealisierung, womit dann eine feurige Legende ihr Ende gefunden hat.

 

  1. Unsere Zeitschrift veröffentlichte einen Artikel in dem behauptet wurde, dass “die deutsche FM unter oder ohne Einfluss“ wäre. Anders gesagt, wäre sie von jeglicher Unternehmungsfreiheit  beraubt und völlig unhörbar im eigenen Lande. Stimmt das noch heute. Haben die Zerstörung der Berliner mauer und die Befreiung der früheren Satellittenländer der UdSSR die Lage verändert? Unter welchen Voraussetzungen könnten, Ihrer Meinung nach,  die deutsche FM eine Rolle spielen in der Annäherung der verschiedenen europäischen freimaurerische Obödienzen?

 

Leider ist die deutsche Freimaurerei tatsächlich viel zu schwach, um nennenswerte Auswirkungen bei unseren östlichen Nachbarn zu bewirken. Sie hatte vor dem Fall der Mauer etwa 20.000 Mitglieder in der Summe aller existierenden Zweige, und hat auch heute nicht mehr Mitglieder. In den neuen Bundesländern sind eine Reihe von Logen, und auch Ateliers des AASR gegründet worden, sicher mehr als 50 Logen der AFuAM, aber mehr Logen machen eben nicht mehr Mitglieder aus. Das geht dem AASR in Ostdeutschland genau so. Die Mitgliederzahl der einstigen preußischen Traditions-Großloge „Zu den 3 Weltkugeln“ soll auf um die 150 Mitglieder geschrumpft sein. Der AASR von Deutschland hat heute um die 1800 Mitglieder, vor dem Mauerfall waren es genau so viele.

Die meisten Gründungen des AASR in den osteuropäischen Ländern im so genannten anerkannten Bereich erfolgte durch die Südliche Jurisdiktion der USA, die dort überall Geheimdienstler und Diplomaten, die auch Freimaurer waren, hatte, die dann die Gründungen forcierten mit landeseigenen Geldquellen, die dafür erschlossen wurden. Sehr stabil waren diese Gründungen bisher nicht, weil einfach die geistige und auch moralisch-ethische Substanz fehlt, um neue und junge Mitglieder zu gewinnen. Die Amerikaner fürchten ja bekanntlich alles, was „links“ genannt wird, wie der Teufel das Weihwasser. Um Demokratie, Marktwirtschaft und Kapitalismus in diesen ehemaligen kommunistischen Staaten zu etablieren, ist für sie die Gründung von Logen, Obersten Räten und Ateliers eine Regierungsaufgabe, die treu erfüllt wurde. Ich habe als Großkommandeur des AASR von Deutschland bei der Gründung des AASR in Ungarn mitgewirkt, die damals gegen den Widerstand der bereits etablierten Großloge erfolgte, aber eben auf Druck der südlichen Jurisdiktion der USA. Die deutsche Freimaurerei kann nur punktuell etwas ausrichten, vor allem fehlt ihr auch der dazu nötige Geldquell.

 

 

  1. Der Schottische Ritus bezeichnet sich durch spezifische  Werte, eine Eigenschaft in Studien und Kommunikation, sein hohes intellektuelles Niveau, seine Fähigkeit, Konferenzen, Seminare, Akademien  in ganz Europa zu organisieren. Er ist schlicht eine eigenartige überlegungs- und Vorschlagskraft innerhalb des FM Bewegung. Aber in wiefern ist er in der Lage, eine einheitliche Position an den Tag zu legen und ¨über welche Themen?

 

Nun, ich stimme diesem Statement zwar zu, aber ich sehe nur den von mir vorgeschlagenen radikalen Weg der Erneuerung. Vielleicht habe ich mich da etwas in eine Richtung verrannt, aus der ich nicht mehr herauskomme, aber mein persönliches Schicksal in der Freimaurerei und meine persönlichen Erfahrungen haben mich gelehrt, dass alle Anstrengungen der vorsichtigen und vornehmen Art relativ am Anfang stecken bleiben und scheitern. Zu viele Reaktionisten lauern im Hintergrund, um neue Ansätze bereits im Keim zu ersticken. Die Freimaurerei hat auch keine Feinde mehr, die sie zusammenscharen könnten. Sie ist skurril und wunderlich geworden in den Augen der Öffentlichkeit, und nicht ernst zu nehmen. Eine Prise Esoterik, eine Prise Mystik und eine Prise Legende, das gibt eine Prise Grusel  -  und das war es auch schon. Wie nannte es einmal die Frau eines meiner Freimaurer-Freunde: Kegeln gehen ohne Kegel….“